Arm aber sexy
Eigentlich geht es uns gut.
Als junge Wissenschaftlerinnen haben wir uns spätestens mit der Doktorarbeit auf die Akademikerlaufbahn eingelassen. Unser Ziel: an der Uni lehren und forschen. Die Promotion befähigt offiziell dazu, tatsächlich aber befinden sich viele fertig ausgebildete WissenschaftlerInnen im leeren Raum: Die einen finden zwar Anschlussfinanzierungen in Form von Postdok-Stipendien, auf 1-3 Jahre befristete Mitarbeiterstellen, wenn es gut läuft; die anderen, die in der Mehrzahl sind, finden Hartz IV oder suchen sich andere Jobs oder Ausbildungsmöglichkeiten wie das Referendariat. Das alles im Alter von durchschnittlich 30 Jahren, manchmal mit Bafög-Schulden im Huckepack. Unbedingte Mobilität ist Voraussetzung und so packt man alle zwei bis drei Jahre wieder Umzugskartons, zieht in eine neue Stadt mit wieder neuen Leuten. Dies kann gewünscht sein und Vorteile mit sich bringen, doch wie kann so vor Ort, am wissenschaftlichen Institut Dynamik etwas anderes bedeuten als Fluktuation der Mitarbeiter? Wie soll ein gemeinsames Leben mit Partner, Freunden, Familie möglich sein, wenn immer wieder damit gerechnet werden muss, dass sich alles in verschiedenen Städten abspielt? Und wer kann sich ein solches Leben leisten?
Die Dinge konstruieren sich selten in der Flüchtigkeit. Drei Jahre hält man noch durch, man hat ja schon vieles überbrückt und irgendwie geschafft, und am Ende kann man froh sein, doch wieder eine Stelle gefunden zu haben, und dann wird doch nicht kurz vor … ja nicht kurz vor was eigentlich aufgegeben? Tatsächlich bietet sich auch nach Jahren oder Jahrzehnten nur einem Prozent der Hochschulabsolventen eine Professur[1], während nur elf Prozent der Professuren von Frauen besetzt sind.[2] Und doch zielt die gesamte AkademikerInnen-Laufbahn darauf ab. Bis dahin gilt es von der Hand in den Mund zu leben, sich im Glücksfall ohne Hartz IV-Phasen von Stelle zu Stelle zu hangeln, sich für eine Professur vorzubereiten, sehr hart zu arbeiten, so viel wie möglich zu publizieren, möglicherweise je ohne Festanstellung, ohne entsprechende Gehaltszahlungen und Garantien, die für eine so unsichere und risikobehaftete Laufbahn angemessen wären. Vier Fünftel der Forschung und Lehre werden dabei aber von diesen Noch-Nicht-Und-Vielleicht-Niemals-Professoren geleistet. Die zum Leben und Arbeiten notwendige ruhige Konzentration in einem Wechsel von produktiver Arbeit und (un)produktiven Pausen ist bei solcher Unsicherheit, fehlender Stabilität und Perspektive kaum möglich. Ganz zu schweigen von Planungen im privaten Bereich. Nicht nur, dass sie nur schwer finanzierbar sind, sie machen bei befristeten Stellen im Zeitalter des Diktats der Hypermobilität wenig Sinn.
Existenz in der heutigen Zeit baut zu einem großen Teil auf Arbeit und einem Einkommen, das es erlaubt, die Grundbedürfnisse zu decken. Im besten Fall erlaubt es einem die Arbeit sich persönlich zu entwickeln und sich an der Gestaltung des Miteinanders zu beteiligen. Doch für ein Miteinander brauchen wir auch demokratische Werte, Bildung, Zugang zu Gesundheit, Infrastruktur und starke, d.h. freie Individuen. Der Unabhängigkeitsbewegung der Frauen ist stark mit dem Zugang zu Arbeit, zu einem eigenen Einkommen verknüpft, d.h. aber auch mit dem daran gebundenen Zugang zur Öffentlichkeit. Während Unabhängigkeit in Bildung und Ausbildung weitgehend erreicht ist, kann dies für die Arbeitswelt nicht behauptet werden: Zwar ist die Erwerbstätigkeit der Frauen immens angestiegen, doch strukturell bleiben Frauen in der deutschen Arbeitswelt benachteiligt. Nicht nur, dass die von Frauen häufig gewählten Berufe schlechter bezahlt werden, Frauen bei gleicher Arbeit 20-25%, ab 30 sogar 30% weniger verdienen als Männer, nein, auch Schwangerschaften bedeuten im Allgemeinfall das vorläufige bzw. langfristige Ende einer vernünftig organisierten, bezahlten Anstellung, ganz zu schweigen von einer erfolgreichen Karriere. Kitas fehlen, Teilzeitlösungen gibt es nicht oder müssen hart erkämpft werden. Männer haben ähnliche Probleme, wenn sie an einem Familienleben und Kinderbetreuung wirklich Anteil haben wollen.[3]
Die Diskriminierung dauert fort, sie heißt jetzt vor allem Überforderung: Endlich scheinen Selbstverantwortlichkeit und die damit verbundene Unabhängigkeit erreichbar, doch nur solange, bis Kinder ins Spiel kommen. Die Organisation der Reproduktion und Erziehung wird noch immer als Sache nur der Frau betrachtet, als nur „privat“. Entsprechend zieht sich noch immer eine unsichtbare Trennungslinie zwischen Mann und Frau, öffentlich und privat, Erwerbsarbeit und Kindererziehung, Karriere und Zeit zuhause. Will frau oder man diese Linie überschreiten, treffen beide auf strukturelle und ideologische Barrieren.
Sie muss sich mit schlechter bezahlten, unsicheren Stellen zufrieden geben, mehr leisten und besser sein, um gegen Männer bestehen zu können, in Teilzeit fast so viel leisten wie in Vollzeit und zugleich Kinder und Haushalt managen. Er muss sich für den Fall, dass er Elternzeit nimmt, für seine „Pause von der Männlichkeit“ rechtfertigen.
Ihr Wunsch nach Unabhängigkeit bleibt ein Wunsch: In Vollzeitstellen noch immer nicht gleichbehandelt, mit weniger Verdienst, weniger Verantwortung und entsprechend weniger Einfluss; in Teilzeitstellen finanziell wieder abhängig, unsichtbar und abgesehen vom Elterngeld, dass es nur bei vorheriger Anstellung gibt, unbezahlt im Privaten tätig. Das Ehegattensplitting unterstützt diese Tendenz. Es führt dazu, dass ein Einkommen sich finanziell mehr lohnt als zwei Gehälter (angesichts der heutigen Verhältnisse eher dasjenige des Mannes), während paradoxerweise ein Gehalt in vielen Fällen nicht für die Ernährung einer Familie ausreicht bzw. nicht langfristig planbar ist. Gleichzeitig stellt die Ehe das vom Staat am meisten begünstigte Lebensmodell dar, unabhängig von individuellen Entscheidungen.
Zugleich greift Vollzeittätigkeit immer mehr auf die private Zeit über, wird zur Mehr-als-Vollzeit-Tätigkeit, während sich generell die Verhältnisse prekarisieren: Immer weniger Menschen arbeiten in Vollzeit und entsprechender Absicherung. Stöhnen die einen über zu viel Arbeit, zu uninteressante Arbeit und unbezahlte Überstunden, sind die anderen arbeitslos, un(ter)bezahlt, in prekären Situationen und haben kaum sichere Perspektiven. Die individuelle Entscheidung für Wissenschaft kann jedoch keine Entschuldigung für prekäre Arbeitsstrukturen sein.
Klaus Dörre führt die generelle Prekarisierung auf einen „ ‚finanzmarktgetriebenen Kapitalismus’ zurück, der der Wirtschaft mehr abverlangt, als sie produktiv zu leisten im Stande ist.“ Dabei würden die Gewinnerwartungen und Rendite zum entscheidenden Maß, mit der Folge, dass Unternehmen die Marktrisiken in Form höherer Flexibilität „mehr und mehr an die Belegschaften“ weitergeben. „Unter den Bedingungen finanzmarktgetriebener Akkumulation gelten Löhne, Arbeitszeiten und als Restgröße, die flexibel an Markterfordernisse angepasst werden muss.“[4] An Universitäten trifft diese allgemeine Tendenz mit zwei Mythen zusammen, die die Prekarisierung begünstigt haben: Zum ersten stellt, wie die GEW richtig erkannt hat, Wissenschaft in Deutschland keinen Beruf, sondern eine Lebensform dar. Statt länger von der Berufung und der damit verbundenen idealistischen Hingabe als Bedingung für Wissenschaft zu sprechen, fordert die GEW, Wissenschaft zu entmystifizieren und WissenschaftlerIn endlich als Beruf anzuerkennen.[5] Zu diesem ersten Mythos gesellt sich der gesellschaftliche Diskurs von der dem wirklichen Leben fernen (insbesondere Geistes-) Wissenschaft – entsprechend wird sie als nebensächlich behandelt. In einer beständig nach dem finanzwirtschaftlichen Nutzen fragenden Welt scheint vor allem Geisteswissenschaft zusätzlicher Luxus zu sein, keineswegs an der Gestaltung des Miteinanders beteiligt. Insofern ist es kein Wunder, dass geregelte Arbeitsverhältnisse kaum existieren. Dramatische Ironie einer sich selbst betitelnden „Wissensgesellschaft“, die offensichtlich bestimmtes Wissen bevorzugt und dies auf Kosten ihrer Wissensproduzenten.
Wie gesagt - es geht uns eigentlich gut. Tatsächlich können wir uns mit unserer Arbeit identifizieren, machen das, was wir machen wollen. Die Situation erlaubt es uns derzeit noch, unsere Zeit relativ frei einzuteilen. Spätestens nach der Doktorarbeit jedoch beginnt das Stellenkarussell, das uns wie viele andere unter Druck setzen wird, immer bereit und flexibel zu sein, nichts zu fordern, aus Angst nichts zu bekommen, sich mit dem bisschen und weniger zufrieden zu geben, sich schuldig zu fühlen, wenn man abends oder am Wochenende nicht arbeitet, aus Angst, die nächste vielversprechende Gelegenheit zu verpassen – nach dem Motto ‚Die Hoffnung stirbt zuletzt’. Wir können und wollen aber nicht von Hoffnung leben!
Daran anschließend wollen wir die Frage nach „guter Arbeit“ stellen.[6] Arbeit strukturiert und nimmt einen Großteil unserer Zeit ein, organisiert in großem Ausmaß unser Miteinander und ist finanzielle Grundlage für unser physisches wie soziales Leben. Und sie findet auch zuhause statt. Insofern haben wir ein Interesse daran, Arbeit gut zu gestalten und zu überlegen, was Arbeit heißt und welche Rolle sie in unserem Leben spielen soll. So gibt es z.B. Menschen, die es bevorzugen, einer selbstbestimmteren Tätigkeit nachzugehen und dafür eine prekäre Lage in Kauf zu nehmen.
Wir sind uns bewusst, dass wir nicht als Einzige von großer Unsicherheit bei übermäßigem, z.T. unvergütendem Arbeits- und Zeiteinsatz betroffen sind. Deshalb nehmen wir unser Beispiel als Ausgangspunkt und fänden es interessant, über ähnliche Probleme aus anderen Bereichen zu erfahren.
Mit unserem Blog wollen wir uns und anderen die Möglichkeit geben, öffentlich über das Verhältnis von Geschlechterbeziehungen und Arbeit, von Zeit und Demokratie, Geld und Lebensqualität nachzudenken. Wir verstehen uns als Plattform, die die Möglichkeit bietet, über diesen Themenkreis zu kommunizieren, sich zu vernetzen oder einfach zu sehen, dass auch Andere ähnliche Probleme und Fragen haben. Wir wollen Bücher, Artikel, Fotos, Veranstaltungen diesbezüglich vorstellen und diskutieren (unter www.armabersexypink.blogspot.com) sowie eigene Texte beitragen (dort wie hier www.armabersexy.tumblr.com).
[1] http://www.zeit.de/campus/2009/01/unikarriere-text
[2] http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/789/337637/text/
[3] http://www.zeit.de/karriere/beruf/2010-02/familie-beruf-allein-erziehende; http://www.zeit.de/2010/05/C-Muetter-Mobbing
[4] http://www.soziologie.uni-jena.de/soziologie_multimedia/Downloads/spiegelklett1-view_image-1-called_by-soziologie-original_site--original_page-57467.pdf
[5] http://www.denk-doch-mal.de/node/15
[6] Vgl. den DGB-Index Gute Arbeit: http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/